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Gerold Becker

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Gerold Becker
Gerold Becker.jpg
Gelebt 12. April 1936–7. Juli 2010
Beruf Pädagoge, Theologe

Gerold Ummo Becker (1936-2010) war ein deutscher Erziehungs­wissen­schaftler und Pädagoge. Er war von 1972 bis 1985 Leiter der reformpädagogisch orientierten Odenwaldschule[wp] im Heppenheimer Stadtteil Ober-Hambach.[1] Im Abschlussbericht über die "sexuelle Ausbeutung von Schülern und Schülerinnen an der Odenwaldschule im Zeitraum 1960 bis 2010" bezeichnen ihn die beiden unabhängigen Aufklärerinnen als "Haupttäter".[2][3]

Sexueller Missbrauch

Laut Presseberichten erhielt der damalige Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, Hellmut Becker[wp], bereits 1970 von seinem Patensohn die Mitteilung, dass Gerold Becker ihn missbraucht habe. Er habe daraufhin Gerold Becker in einem Gespräch vorgeschlagen, sich einer Therapie zu unterziehen, was dieser aber abgelehnt habe.[4][5]

1998 gab es nach Angaben der Odenwaldschule[wp] erste öffentliche Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs gegen den ehemaligen Schulleiter Becker. Ein Artikel 1998 in der Frankfurter Rundschau löste nur eine interne Aussprache in der Odenwaldschule aus. Staatsanwalt­schaftliche Ermittlungen wurden wegen Verjährung[wp] eingestellt.[6] In einem Artikel der Frankfurter Rundschau vom März 2010 warfen ihm ehemalige Schüler vor, reform­pädagogische Ansätze[wp] für seine pädophilen Neigungen missbraucht zu haben und diese mit pseudo-pädagogischen Thesen zu verschleiern.[7][8] Die damalige Leiterin der Odenwaldschule, Margarita Kaufmann, bestätigte die Existenz der Vorwürfe und sprach unter anderem davon, dass ein Schüler von Becker mutmaßlich "bis zu 400-mal missbraucht" worden sei.[9] Opfer des Missbrauchs, die sich Becker entzogen, bzw. Zeugen, die Hilfe suchten und die Vorfälle publik machen wollten, wurden nach Angaben von Kaufmann systematisch durch Becker diskreditiert.[10]

Die deutsche Schriftstellerin Amelie Fried[wp], die in den 1970er Jahren Schülerin der Odenwaldschule war, forderte in einem Gastbeitrag in der FAZ von Becker eine persönliche Entschuldigung bei den Opfern.[11] Becker bat kurz darauf in einem Brief an die Odenwaldschule seine Opfer, sowie alle Personen und Institutionen, mit denen er zusammen­gearbeitet hat, um Entschuldigung und erneuerte ein nach den Vorwürfen 1998 geäußertes Gesprächsangebot.[12] Der Spiegel-Autor Christian Füller[wp] forderte "ein öffentliches Tribunal" angesichts der Tatsache, dass Becker und seine Mittäter rechtlich nicht mehr belangt werden könnten, da die Verbrechen verjährt seien. Die Odenwaldschule insgesamt müsse sich ändern und auch die dortige Reformpädagogik[wp] brauche einen "öffentlichen Prozess".[13] Der Zeit-Redakteur Reinhard Kahl[wp] schrieb: "Gerold Becker (...) hat sich inzwischen bei den Opfern entschuldigt, allerdings in einer Form, die an die Verspätungs­durchsagen der Bahn erinnert. Nichts von Selbstreflexion[wp]. Auf die Vorwürfe, die bereits 1998 erhoben wurden, war er zuvor nicht eingegangen, und die Fragen seiner Freunde und Bekannten hatte er mit der Gegenfrage pariert: 'Traust du mir das zu?' Auch zu dieser Übertragung der Beschämung auf die Fragenden bisher kein Wort."[14] Wegen Verjährung wurde keine Anklage gegen Becker erhoben.[15]

In einem Abschlussbericht wird Becker als einer der Haupttäter bezeichnet. Ihm werden 86 männliche Opfer zwischen 12 und 15 Jahren zugerechnet. Er müsse sich laut der Gerichtspräsidentin a. D. und Mitglied der "unabhängigen Aufklärerinnen der Odenwaldschule" Brigitte Tilmann[wp] als "Pädophiler in einem permanenten sexuellen Erregungszustand" befunden haben.[3]

Hauptartikel in Wikipedia: Odenwaldschule#Missbrauchsfälle

Einzelnachweise

  1. Heike Schmoll: Odenwaldschule: Die Herren vom Zauberberg, F.A.Z. am 14. März 2010
    Anreißer: Gewissenlose Verbrecher hätten die pädagogischen Grundlagen der Odenwaldschule erschüttert, klagte Schriftstellerin Amelie Fried[wp] in der F.A.Z. Ein Blick auf die Geschichte der Schule und ihres Personals zeigt, dass die Probleme noch viel tiefer liegen.
  2. Pdf-icon-extern.svg Abschlussbericht über die bisherigen Mitteilungen über sexuelle Ausbeutung von Schülern und Schülerinnen an der Odenwaldschule im Zeitraum 1960 bis 2010[ext] - Claudia Burgsmüller, Brigitte Tilmann, Dezember 2010 (35 Seiten, 395 KB)
  3. 3,0 3,1 Christian Füller: Abschlussbericht zu Missbrauchsfällen: Odenwaldtäter beim Namen genannt, taz am 17. Dezember 2010
    Anreißer: Der vorläufig letzte Bericht zu Opfern sexuellen Missbrauchs an der einstigen Vorzeigeschule bringt weitere furchtbare Details ans Licht. Aufklärerinnen nennen Täter wirklich Täter.
  4. Odenwaldschule: Viel mehr Missbrauchsopfer?, F.A.Z. Online am 21. März 2010
    Anreißer: Nach dem Geständnis des früheren Leiters der Odenwaldschule, Gerold Becker, ist der Skandal noch lange nicht beendet. Ehemalige Schüler sprechen von mafiösen Strukturen und äußern ihren Unmut über den Brief von Becker.
  5. Die Tagespost vom 12. April 2010
  6. Jörg Schindler: Odenwaldschule - FR Anno 1999: Der Lack ist ab[archiviert am 30. Januar 2012], Frankfurter Rundschau am 8. März 2010 - Der Lack ist ab, Wiederveröffentlichung am 31. Januar 2019
    Rückblick: Am 17. November 1999 berichtet Jörg Schindler über den jahrelangen Missbrauch von Schülern des ehemaligen Leiters der Odenwaldschule. Lesen Sie hier den Original-Artikel.
    Mittwoch, 17. November 1999
    "Davon geht der Lack nicht ab", pflegte Gerold Becker zu sagen, als er noch Leiter der Odenwaldschule war. Nach einer verhauenen Arbeit: "Davon geht der Lack nicht ab." Wenn einen die Grippe erwischte: "Davon geht der Lack nicht ab." Am 12. November 1997 erreichte den Theologen Gerold Becker ein Brief seines ehemaligen Schülers Jürgen Dehmers - dessen letzter Satz lautet: "Der Lack geht ab, auch wenn es nicht sichtbar ist."
    In dem Brief steht außerdem: "Menschen wie Dich, die sexuellen Missbrauch an Schutzbefohlenen Heranwachsenden begehen, trifft mein voller Zorn."
    Jürgen Dehmers (Namen aller Schüler geändert) ist heute 30. Gerold Becker ist heute 63. Jürgen Dehmers war über Jahre hinweg ständig krank und wusste nicht warum. Irgendwann begann er eine Therapie, in der die verdrängten Bilder aus der Schulzeit wieder auftauchten.
    Gerold Becker erfreute sich über Jahre hinweg uneingeschränkter Verehrung, er war Leiter der Unesco-geförderten Odenwaldschule, Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Land­erziehungs­heime, landete irgendwann im Hessischen Institut für Bildungs­planung und gilt heute als ein wichtiger Exponent der deutschen Pädagogik. Jürgen Dehmers sagt, "die Wunden sind ein Stück weit vernarbt".
    Gerold Becker sagt, dass er nichts sagt. Jürgen Dehmers und Gerold Becker haben jahrelang unter einem Dach gelebt. Das ist so üblich in den gut 20 deutschen Land­erziehungs­heimen, unter denen die Odenwaldschule im südhessischen Ober-Hambach als d i e Vorzeige­einrichtung gilt: Lehrer sind hier gleichzeitig "Familienhäupter" , die sich in den idyllischen Wohnhäusern um sechs bis zwölf Minderjährige kümmern. Die Odenwaldschule, so steht es in der Heimordnung, möchte "eine freie Gemeinschaft" sein, "in der die verschiedenen Generationen unbefangen miteinander umgehen und voneinander lernen können" . In der Rückschau wird deutlich, dass der Theologe Gerold Becker, der die Schule von 1972 bis 1985 leitete, die Idee dieses Satzes mehr als ein Mal pervertiert hat.
    "Etliche Schüler" , sagt Dehmers, habe Becker in den 80er Jahren "in inflationärem Umfang" sexuell missbraucht. Er selbst sei von seinem Familienhaupt seit 1982, da war Dehmers 13, immer wieder sexuell attackiert worden. Vor Gericht, sagt Dehmers, "würde das, was er getan hat, heute als Vergewaltigung gewertet" : Ständig habe Becker Schüler "begrapscht", ständig habe er im Schülerbereich geduscht. "Eine optimale Situation für Pädophile", sagt Dehmers. ...
    Torsten Wiest war 14, als er eines Morgens aufwachte, weil ihm Becker "an den Genitalien rumfuhrwerkte". Stefan Diers war 14, als ihm Becker in sein Zimmer folgte und ihm "in den Schritt griff. Michael Wisotzki war 13 oder 14, als er unter Beckers Bett "einen Berg von Kinderpornoheften" entdeckte. Rüdiger Groß war 15, als er seinen Spind mit "Pin-up-Girls" pflasterte, "um Becker zu zeigen, dass da nix laufen wird". Dessen "übliches Ritual" sei es gewesen, seine Mitschüler morgens, "wenn man noch geschlafen hat", überall zu streicheln. "Ich habe ihn nicht rangelassen", sagt Groß. Nicht zuletzt deswegen, glaubt er, habe ihn Becker im Familienbericht "richtig reingeritten" und ihn als "asozial" gebrandmarkt.
    "Was mir bis heute aufstößt" , sagt Michael Wisotzki, "ist, dass an der Schule keiner die Courage hatte, mal den Mund aufzumachen." Schließlich sei ständig kolportiert worden, dass "der Gerold auf kleine Jungs steht". Zudem, so berichten Schüler und Lehrer, habe Becker exzessiven Konsum von Alkohol und Drogen nicht nur gebilligt, sondern sogar unterstützt: Bisweilen habe er 14-Jährige sonntags zum Bierholen nach Bensheim gefahren. Bereits in den 70er Jahren kündigten mehrere Lehrer, weil sie den Zustand der "inneren Unordnung und Regellosigkeit" unter Becker nicht mehr ertrugen. Von dessen Pädophilie habe man damals nichts gewusst, sagt einer von ihnen heute, "man hat es gespürt". Aber nie wurde den Vorwürfen gegen den als außerordentlich charismatisch geltenden Mann nachgegangen. Und so setzte Gerold Becker seinen Aufstieg zur bundesweiten pädagogischen Kapazität fort - bis ihm Jürgen Dehmers in die Quere kam.
    Das Altschülertreffen 1997 brachte bei dem Sportstudenten "das Fass zum Überlaufen": Dort sei Becker dieselbe Verehrung entgegengebracht worden wie eh und je, zudem habe ausgerechnet der Ex-Schulleiter eine pädagogische Podiums­diskussion geleitet. Das reicht, dachte sich Dehmers und schrieb Becker den ersten von mehreren Briefen. In einem davon heißt es: "Du musst gewusst haben, was Du tust, und hast es nicht geändert. Es ist mir unbegreiflich." Am Ende schreibt er: "Nach Ansicht von Experten wird Pädophilie im Alter eher schlimmer denn besser. Ich möchte, dass Du weißt, dass ich das weiß."
    Am 18. November 1997 schrieb Becker zurück: "Es gibt manches in diesen 61 Jahren, für das ich mich schäme oder schuldig fühle." Und: "Wenn ich Dich als 14- oder 15-Jährigen gekränkt, verletzt, beleidigt oder geängstigt habe, dann musst Du mir bitte glauben: Das wollte ich sicher nicht! Wenn es dennoch so war, dann bitte ich Dich jetzt dafür sehr ernsthaft um Verzeihung"; gezeichnet: "Dein Gerold". In den übrigen Briefen geht Becker auf die Vorwürfe nicht mehr ein, dafür sei er zu "müde und unkonzentriert".
    Damit allein wollte es Dehmers nun nicht mehr bewenden lassen. Gemeinsam mit Torsten Wiest wandte er sich im Juni 1998 an die Odenwaldschule, die sie der "Mittäterschaft" bezichtigen. Und die Schule reagierte bemerkenswert. Mehrmals, sagen Dehmers und Wiest, habe der damalige Schulleiter Wolfgang Harder, ein langjähriger Weggefährte Gerold Beckers, mit ihnen telefoniert. Bei dieser Gelegenheit habe er dreimal betont, er habe gewusst, dass Becker pädophil sei, aber gedacht, dieser könne "verantwortungsvoll" damit umgehen. Das freilich bestreitet Harder, das Wort "pädophil" habe er nie benutzt, allenfalls das Wort "schwul".
    Zugleich wurde der Vorstand des Trägervereins - der ebenso wenig wie Harder Anlass sieht, an den Vorwürfen der Schüler zu zweifeln - aktiv. Er bat Becker zur Aussprache und meldete Dehmers und Wiest anschließend: "Gerold Becker hat gegenüber dem Vorstand den Vorwürfen nicht widersprochen und seine Funktionen und Aufgaben im Trägerverein und im Förderkreis der Odenwaldschule niedergelegt."
    Anfang Juli 1998 trafen sich Dehmers, Wiest und Harder in Frankfurt. Mit dabei: der damalige SPD-Bundestags­abgeordnete Peter Conradi als Vize-Vorsitzender des Trägervereins. In diesem Gespräch räumte die Schule ein, den "Gerüchten" über Becker nie nachgegangen zu sein - dies sei "ein Versäumnis". Zugleich wurde vereinbart, "das Problem des sexuellen Missbrauchs" umfassend an der Odenwaldschule zu erörtern. Danach hörten die Schüler monatelang nichts mehr von ihrer alten Schule.
    Erst im vergangenen März rangen sich die Reformpädagogen zu einer Tagung durch - Thema: "Zusammenleben der Geschlechter und Generationen". Tages­ordnungs­punkte: "Strukturelle Voraussetzungen des Zusammenlebens" , "Finden eines Minimalkonsenses zu Werten, Normen, Regeln", "Gemütliches Beisammensein in der Theaterhalle" . Ergebnis: "Bildung einer Arbeitsgruppe, die am Erkenntnisstand weiterarbeitet."
    Die Tagung war ein absoluter Flop", sagt ein beteiligter Lehrer, "die Angelegenheit Becker wurde mit kaum einem Wort erörtert." "Die kompetenten Leute, die dabei sein sollten, haben wir dort nicht gesehen" , moniert eine Lehrerin. "Es ist zu wenig Aufklärung geschehen - ich weiß nicht, warum", sagt ein Dritter.
    Eine offene Auseinandersetzung mit den Missbrauchs:vorwürfen, da sind sich alle drei Pädagogen einig, habe vor allem Ex- Schulleiter Wolfgang Harder verhindert, der Mitte dieses Jahres ausschied. Schon zu Beckers Zeiten habe er immer wieder betont, Gerüchten werde er nicht nachgehen. Dasselbe Argument habe er gebraucht, als Becker Anfang 1998 für einige Monate als Ersatzlehrer an die Schule zurückkehrte. Und auch nach Bekanntwerden der Vorwürfe habe er sich für Becker verwendet. So sei er in einer Sitzung des Trägervereins Mitte 1998 "mit keinem Wort" auf die Vorwürfe eingegangen, so ein Teilnehmer. Auf die Frage, wo denn Vereinsmitglied Becker sei, habe Härder geantwortet: "Auf dem Kirchentag."
    Das ganze Thema sei von Schulleitung und Vorstand "faktisch totgeschwiegen worden" , schimpfen die drei Pädagogen, die ihren Namen nicht veröffentlicht sehen wollen, weil die Schule inzwischen einen "Maulkorb" verhängt habe.
    "Wer hätte reden wollen, der hätte reden können", sagt Peter Conradi, für den die Odenwaldschule "ihrer Sorgfaltspflicht Genüge getan" hat. Die Notwendigkeit, die Sache publik zu machen, kann der SPD-Politiker beim besten Willen nicht erkennen. Schließlich habe der Vorstand die Vorwürfe geprüft und sei zu dem Ergebnis gekommen, sie seien nach fast 15 Jahren nicht mehr "strafrechtlich relevant". So urteilte auch die Staatsanwaltschaft Darmstadt, die das von Dehmers initiierte Verfahren jüngst wegen Verjährung einstellte.
    Und so geht Gerold Becker einstweilen seiner Wege und zeigt sich, zwar nicht mehr in der Vereinigung der Land­erziehungs­heime, aber andernorts als gern gehörter Redner und Experte. Ende November zum Beispiel wird er auf einer bildungspolitischen Tagung in Gütersloh zu Wort kommen. Für Peter Conradi kein Grund zum Missmut: "Es liegt nicht in der Verantwortung der Odenwaldschule, wo Herr Becker Vorträge hält."
  7. Jörg Schindler: Missbrauch an Elite-Schule: Sexuelle Dienstleister, Frankfurter Rundschau, wiederveröffentlicht am 31. Januar 2019
    Anreißer: Ein Skandal um den Missbrauch von Schülern bahnt sich nun auch an einer Reformschule im Odenwald an. Bis zu 100 Opfer könnte es nach Ansicht Betroffener gegeben haben. Viele Prominente besuchten die Einrichtung.
    Auszug: "Erste Vorwürfe gegen den langjährigen Rektor Gerold Becker, der die OSO von 1971 bis 1985 leitete und heute schwer krank ist, waren vor gut zehn Jahren publik geworden."
  8. Jörg Schindler: Missbrauch an der Odenwaldschule: Gemobbt, geschlagen, vergewaltigt, Frankfurter Rundschau, wiederveröffentlicht am 2. Februar 2019
    Anreißer: "Weil sie es nicht länger ertragen konnten, dass Becker weiterhin als gefragter Handlungsreisender von Podium zu Podium eilt, wandten sich seinerzeit insgesamt fünf Altschüler an die Öffentlichkeit und berichteten über ihre Erfahrungen mit dem pädophilen Pädagogen."
  9. Jörg Schindler: Reformschule im Zwielicht, taz am 7. März 2010
  10. Christoph Ruf: Einem Menschen im feinen Zwirn hat man das kaum zugetraut, Der Spiegel am 12. April 2010
  11. Amelie Fried: Amelie Fried über die Odenwaldschule: Die rettende Hölle, Frankfurter Allgemeine Zeitung am 14. März 2010
  12. Missbrauch an der Odenwaldschule: Früherer Schulleiter entschuldigt sich, Frankfurter Allgemeine Zeitung am 19. März 2010
    Anreißer: "Schüler, die ich in den Jahren, in denen ich Mitarbeiter und Leiter der Odenwaldschule war, durch Annäherungs­versuche oder Handlungen sexuell bedrängt oder verletzt habe, sollen wissen: Das bedauere ich zutiefst und ich bitte sie dafür um Entschuldigung. Diese Bitte bezieht sich ausdrücklich auch auf alle Wirkungen, die den Betroffenen erst später bewusst geworden sind." Um Entschuldigung bittet Becker in dem Schreiben ebenfalls "Personen und Institutionen, mit denen ich in den vergangenen vierzig Jahren zusammen­gearbeitet habe und die durch mein Verhalten beschädigt worden sind". Obwohl es in den vergangenen Wochen hieß, Becker sei einer Erkrankung wegen nicht mehr ansprechbar, schreibt er nun: "Die von mir vor zwölf Jahren geäußerte Bereitschaft zu einem Gespräch mit betroffenen Schülern wiederhole ich noch einmal."
  13. Christian Füller: Missbrauch an Reformschule: Warum wir ein Odenwald-Tribunal brauchen, Spiegel Online am 15. April 2010
  14. Hartmut von Hentig muss reden, Die Zeit 17/2010 vom 22. April 2010
  15. Odenwaldschule: Keine Anklage gegen Ex-Schulleiter, F.A.Z. am 16. Juni 2010
    Anreißer: Der frühere Schulleiter der Odenwaldschule muss im Skandal um sexuellen Missbrauch keine Anklage mehr befürchten. Wie die Staatsanwaltschaft mitteilt, wurde das Verfahren wegen Verjährung eingestellt.

Querverweise

Netzverweise

Anreißer: Gerold Becker, Mittelpunkt des Missbrauchs­skandals an der Odenwaldschule, ist tot. Die Aufklärung an der Schule geht dennoch weiter.
  • Odenwaldschule: Gerold Becker ist tot, taz am 9. Juli 2010
    Anreißer: Einen Tag, bevor an der Odenwaldschule eine Wahrheits­kommission über den Missbrauch in den 70er Jahren tagt, stirbt Haupttäter Gerold Becker an einem Lungenemphysem.
    Auszug: In der Nacht auf Donnerstag ist Gerold Becker gestorben, jener Mann, der die Odenwaldschule von einer Vorzeigeanstalt in eine Spielwiese für Pädophile verwandelt hat. - Gerold Becker war Theologe und übernahm 1972 die Odenwaldschule, die älteste und wichtigste Reformschule Deutschlands. Unter dem charismatischen Schulleiter bildete sich ein regelrechtes "System Becker" heraus. Anstatt Kinder zu Subjekten des Lernens zu machen, wie die Schule versprach, wurden sie zu Objekten von Pädophilen. An der Schule gab es, wie zwei unabhängige Ermittlerinnen feststellten, über 50 Fälle von sexualisierter Gewalt - von Streichelsex bis hin zu harter Vergewaltigung. Becker habe "ein perfides System von Abhängigkeiten" geschaffen, sagte die Laudatorin und ehemalige Schülerin Julia Fischer, kurz nachdem der Tod Beckers bekannt gegeben worden war.
  • Hartmut von Hentig im Interview: "Voll Neid habe ich auf diesen Mann gesehen, Der Spiegel am 14. März 2010
    Anreißer: Über Jahrzehnte wurde er bewundert, jetzt sind viele bestürzt: Der große Pädagoge Hartmut von Hentig[wp] soll die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule leugnen und bagatellisieren - und damit seinen Lebens­gefährten decken, den ehemaligen Schulleiter. Gegenüber dem SPIEGEL versucht er eine Erklärung.
  • Brigitte Baetz: Archiv: Ein elf Jahre alter Skandal zündet nicht, Deutschlandfunk am 15. April 2010
    Anreißer: Schon 1999 schrieb Jörg Schindler in der Frankfurter Rundschau über Ungeheuerliches: den Missbrauch von Kindern an der Odenwaldschule durch den langjährigen Internatsleiter Gerold Becker. Warum wird erst jetzt reagiert?
    „Wir hatten erwartet, dass wir eben einen Stein ins Wasser werfen, der Kreise zieht, weil die Odenwaldschule ist ja eine UNESCO-Modellschule. Deswegen dachten wir, dass es sicherlich aufgenommen werden wird und dass auch andere Leute diesem Ganzen noch mal nachgehen. Aber tatsächlich ist, de facto, nach der Erstveröffentlichung so gut wie gar nichts passiert.“
    Schon 1999 schrieb Jörg Schindler in der Frankfurter Rundschau über Ungeheuerliches: den Missbrauch von Kindern an der Odenwaldschule durch den langjährigen Internatsleiter Gerold Becker. Betroffene erzählten von sexuellen Belästigungen, die keine Einzelfälle waren, sondern System hatten. Und sie berichteten darüber, wie der Missbrauch auch nach dem Ausscheiden Beckers an der Schule totgeschwiegen wurde. Eine Geschichte mit Fallhöhe, eine Geschichte, wie sie Journalisten eigentlich lieben müssten: einer der angesehensten Pädagogen der Bundesrepublik ein Kinderschänder. Sexueller Missbrauch in einer der bekanntesten Eliteschulen Deutschlands. Doch nur einige wenige Blätter erwähnten die Vorwürfe überhaupt, der Hessische Rundfunk berichtete kurz, doch die Mauer des Schweigens im Internat, wie sie die FR beschrieben hatte, wurde auch von den Medien nicht durchbrochen. Die Wochenzeitung Die Zeit beispielsweise, der die Vorwürfe parallel zur Frankfurter Rundschau zugetragen worden waren, berichtete gar nicht. Wie die Redaktion heute selbstkritisch einräumt, ein Versäumnis, das vermutlich mit der Freundschaft der Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff zu Beckers Lebensgefährten, dem bekannten Reformpädagogen Hartmut von Hentig zusammenhing. Aber wäre das Thema nicht wenigstens für konservative Blätter, gar für die Boulevardpresse ein Thema gewesen? Aber auch hier war wohl die Scheu vor den angesehenen Namen zu groß, meint Heribert Prantl, Ressortleiter Innenpolitik bei der Süddeutschen Zeitung:
    „Ich glaube schon, dass das eine Rolle spielt: ein Respekt vor der Elite. Ein Respekt vor der intellektuellen, ökonomischen Elite des Landes, die dieser Schule vertraut, und ein Teil dieses Vertrauens, glaube ich, färbte publizistisch, wenn man jetzt an die Boulevards denkt, die sich nicht ran trauten, darauf ab. Man hätte vielleicht ganz gern früher der Reformpädagogik eine links und eine rechts versetzt, aber dann hätte man sich womöglich auch mit Weizsäckers, mit den großen Familien angelegt, und das traute man sich so nicht.“
    Einer der Söhne Richard von Weizsäckers war Schüler am Odenwaldinternat, lebte sogar in derselben Familie, wie man es dort nennt, wie der Leiter Gerold Becker. Doch sexuellen Missbrauch zu recherchieren ist auch ohne prominente Betroffene ein schwieriges, ein heikles Geschäft. Wo endet harmlose Zuneigung und wo beginnt sexueller Missbrauch? Wenn Betroffene den Mut finden, sich zu äußern, liegen die Fälle meist Jahre zurück. Mit dem Vorwurf der Pädophilie können Karrieren ein für alle Mal beendet, der Ruf eines Menschen für immer ruiniert werden. Hilfreich für eine weitergehende Berichterstattung wäre vermutlich gewesen, wenn die Staatsanwaltschaft ermittelt hätte. Doch auch die wurde nicht tätig. Und: In unserer Mediengesellschaft hält das Publikum nicht allzu viele Skandale gleichzeitig aus, sagt Angela Böhm, Landtagskorrespondentin der Münchener Abendzeitung, die selbst schon etliche politische Affären aufgedeckt hat.
    „Es ist einfach zu sagen, die Medien hätten versagt. Ich kann mich nicht mehr genau an die Zeit erinnern, aber ich könnte mir vorstellen, dass vielleicht auch etwas Spektakuläreres gefolgt ist. Das erleben wir hier auch immer: Eine bessere Geschichte ist der Feind der guten Geschichte. Das gibt es immer wieder.“
    Zeitgleich zum Odenwaldskandal kam die Spendenaffäre der CDU ins Rollen und bestimmte über die kommenden Wochen und Monate die Schlagzeilen. Sie band zudem Ressourcen in den Redaktionen, die noch nie viele Kapazitäten für aufwendige Recherchen zur Verfügung hatten, so Angela Böhm:
    „Oft ist es natürlich auch eine Sache der Man- oder Woman-Power, dass die Redaktionen überhaupt nicht so viel Leute haben, dass sie jemand explizit auf die Sache ansetzen können und der- oder diejenige sich nur noch darauf konzentriert und nur in dieser Sache recherchiert. Dazu sind die meisten Redaktionen heutzutage viel zu knapp besetzt.“
    Warum aber steht das Thema Odenwaldschule jetzt fast täglich auf der Agenda? Elf Jahre nach der ersten Berichterstattung darüber? Der Zeitgeist habe sich gewandelt, sagt Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung. Bevölkerung wie Medien seien sensibler geworden für das Thema sexueller Missbrauch. Ein Thema, das dem Zeitgeist entgegenstehe, für das die Zeit einfach nicht reif sei, werde leicht von den Kollegen übersehen oder verpuffe ohne Resonanz beim Leser. Und: Ohne die tiefe Verstrickung von katholischen Institutionen in ähnliche Fälle wäre seiner Meinung nach der Skandal Odenwaldschule nie so weit aufgerollt worden, wie er es heute ist.
    „Man darf nicht vergessen, wie die gegenwärtige Debatte, die Missbrauchsdebatte, begann. Die begann damit, dass die Skandale im Canisius-Kolleg in Berlin aufgedeckt wurden, die wurden nicht von Journalisten aufgedeckt, sondern der Rektor der Anstalt selber, ein Jesuit, hat gesagt: Wir müssen an die Öffentlichkeit gehen, und ich glaube, da war so richtig ein Schleier weggerissen von der Geschichte. Und in dem Strom ‚Aufdeckung der Skandale in der Kirche‘ bekam die Aufdeckung der Skandale in solchen Elite-Schulen eine ganz neue Dimension. Beide Seiten, echt oder vermeintlich, des Erziehungsbogens mit den gleichen Furchtbarkeiten, und ich glaube, das war das Besondere. Und jetzt hat sich ein Strom entwickelt, in dem die Bekenntnisse auch der ehemaligen Schüler treiben, in der die Skandale sich gegenseitig ‚befruchten‘.“
    Canisius-Kolleg, Kloster Ettal und andere auf der einen, Odenwaldschule und jetzt auch Helene-Lange-Schule auf der anderen Seite: Die publizistische Welle, die vom Canisius-Kolleg ausgelöst wurde, wird so schnell nicht zu stoppen sein, sagt Angela Böhm von der Münchener Abendzeitung.
    „Und wenn eine solche Welle entsteht, baut sich die in der Presse, in der Öffentlichkeit, meist wie ein Tsunami ja auf, und dort werden natürlich ja auch alte Fälle, wie damals bei der Odenwaldschule, wieder nach oben geschwemmt und werden wieder interessant.“